2026 München-Verona Tag 4: von Brenner nach Bozen

vonBrenner
nachBozen
↔ 95km ⬆ 750Hm ⬇ 1630Hm
🛌🏻
Weinplantage von Hans Höll
Hildegard – Straub – Straße,
39100 Bozen,
Italien

Der breite Hans ist Küchenmeister

7 Uhr steigen wir aus unserem Zelt. Schließlich wollen wir nicht riskieren, dass wir links und rechts von Autos zugeparkt wurden, wenn wir aufwachen. Nach einer halben Stunde sind die Sachen zusammengepackt. Autos sehen wir noch keine. Dafür entgegnet uns ein Mann, der uns mit kritischem Blick konfrontiert. Er macht uns nochmal klar: Das, was wir hier machen, ist eigentlich illegal. Wenn die Polizei uns erwischen sollte, wird es teuer. Also verlassen wir das Parkhaus schnell. Dadurch kann ich bereits 8 Uhr das Navi starten.

Der heutige Tag ist die Belohnung für den Gestrigen. Das, was es gestern hochging, geht es heute runter. Erst nach knapp 20 Kilometern frühstücken wir. Vor und nach unserem Frühstücksort Sterzing fällt das Fahren einfacher denn je. Angenehme Abfahrten sowie die frische Morgenluft sollen uns das Radfahren an diesem Vormittag erleichtern.

Auch nach dem Frühstück fliegen die Kilometer förmlich an uns vorbei. Wir fahren in einer festen Formation und wechseln uns regelmäßig an der Spitze ab, sodass jeder vom Windschatten der anderen profitieren kann. Die Automatismen funktionieren immer besser.

Die nächste große Pause gibt es erst in Brixen, nach ca. 50 Kilometern. Auf einer Parkbank am Eisack gibt es dann die Eistee-Pause. Der zweitgrößte Fluss Südtirols wird uns ab sofort bis zum Erreichen des Tagesziels begleiten.

Auf der Bank denken wir über die heutige Übernachtung nach — den Wendlandhof. Die bisherige Kommunikation mit dieser Unterkunft war im Vergleich zu den anderen schlecht. Zudem liegt sie — anders als Bozen — auf einem Berg. Das würde zusätzlich mindestens 500 Höhenmeter bedeuten. Nach den heutigen 100 Kilometern ist das zu viel — entscheiden wir. Also lassen wir uns in Bozen überraschen. Unser Plan ist es, bei Häusern in Bozen zu klingeln und um ein kleines Stück Wiese für die Nacht zu fragen. Ein wackeliger Plan…

Nach Brixen geht es schnell weiter. Wir treffen zwischendurch auf eine Reisegruppe aus Wien. Auch sie fahren vom Brenner bis zum Gardasee. Die Höhenmeter vor dem Brenner hat sich die ca. zehnköpfige Gruppe im Vergleich zu uns jedoch gespart.

Es folgen viele Fahrradtunnel und sehr lange Asphaltwege. Auch wenn wir die Wiener immer mal sehen, können sie letztendlich nicht mit uns mithalten. Auf 5 Kilometer fahren wir teilweise einen 30er-Schnitt.

Wie schon gestern erreicht uns kurz vor Bozen dann auch wieder die Hitze. Als wir das erste Mal das Ortsschild sehen, brennt die Sonne bereits auf uns. Die Frage nach dem heutigen Schlafplatz ist dabei immer noch nicht geklärt. Den ersten Versuch starten wir in einem Wohnblock für Ferienunterkünfte. Durch Glück treffen wir direkt auf einen der Betreiber, der gerade sein Fahrrad repariert. Das macht uns Hoffnung. Doch als wir unser Problem schildern, schüttelt er lächelnd den Kopf. Das kann er nicht akzeptieren.

Es war klar, dass es nicht beim ersten Versuch funktioniert. Aber die Hitze und die fast 100 Kilometer, die uns nun in den Knochen stecken, machen uns dann doch zu schaffen. Otto sucht auf Google Maps eine weitere Möglichkeit auf einer Weinplantage heraus. Das bedeutet nochmal 3 Kilometer — aber das müssen wir nun in Kauf nehmen. Die Temperaturen Italiens haben uns nun erreicht. Die Wetter-App zeigt 37°C an.

Auf der Weinplantage gibt es zwei sehr wohlhabende Grundstücke. Wir teilen uns auf. Otto klingelt bei einem alten Mann, der ihn aber direkt abweist. Kolja und ich klingeln bei dem anderen Anwesen. Es dauert ungefähr 5 Minuten, bis etwas passiert. Als Erstes ist nur ein lautes Hundegebell zu hören. Dahinter kommt ein Mann hervor, den ich auf Mitte 30 schätze. Er empfängt uns mit kritischem Blick. Als wir unser Problem schildern, ist er zunächst eher abgeneigt und kommt mit der Frage: „Erstmal möchte ich wissen, wer ihr seid? Aha, Team FahrrAtzen!“ Bei dem Kommentar muss ich erstmal schmunzeln. Der Mann war der Erste, der unseren Teamnamen wahrgenommen hatte. Er fragt daraufhin nach unseren Personalausweisen.

Man merkt richtig, wie er hin- und hergerissen ist. Er erzählt uns, wie immer wieder Jugendliche in dieser Region Schandluder treiben. Schließlich entscheidet er sich dazu, seinen Vater um Rat zu fragen. Mindestens zehn Minuten warten wir erwartungsvoll in der Hitze vor den Toren von Hans Höll. Otto kommt vom anderen Anwesen zurück.

Nach weiteren Minuten öffnet sich dann ohne Vorwarnung das Tor. Wir können unser Glück nicht glauben. Wir erblicken das riesige Anwesen, das von einer Weinplantage umzäunt ist.

Hans zeigt uns seinen großen Garten. Neben einer Hängematte und einem zentralen Baum, der einen schönen Schatten auf den darunter stehenden Tisch wirft, hängt an einer Gartenlaube ein großes Hirschgeweih.

Zunächst haben wir ein mulmiges Gefühl beim Südtiroler. Doch wir merken schnell, dass seine teilweise kritischen Aussagen Teil seines Humors bilden. „Dann machen wir 50 € pro Nase“, ist z. B. einer seiner Witzkommentare, als er uns reinlässt. Bei einem Espresso erklärt Hans uns beiläufig, dass er Hobbyjäger ist. Den Hirsch, dessen Geweih in Hans‘ Garten hängt, soll sein Vater in Bulgarien geschossen haben.

Er zeigt sich immer mehr gastfreundlicher — worüber er sich auch selber lustig macht. Er ist zudem sehr interessiert. Als wir beispielsweise erzählen, dass heute 100 Kilometer hinter uns liegen, lacht er und meint: „Wenn es den ganzen Tag nur runter geht, sollte man sich nicht damit sonnen.“ Meine anfänglichen Sorgen verblassen langsam.

Hans‘ Haus sollen wir nicht betreten — aber waschen wollen wir uns trotzdem. Im Garten befindet sich ein kleiner Steinanbau mit Wasserhahn. Uns fällt auf, dass der Platz innen genau ausreicht, um sich reinzusetzen. Dabei ist der Kopf direkt unter dem Wasserhahn. Nacheinander gehen wir im Garten „duschen“.

Bevor Hans sein Anwesen für einen weiteren Jagdausflug verlässt, drückt er uns 45 € in die Hand. 15 € pro Person für das Abendessen. Wir können es gar nicht glauben, wie schnell sich seine Einstellung gegenüber uns verändert hat.

Mit dem liquiden Zuschuss machen wir uns direkt auf den Weg nach Bozen. Wir sehen uns etwas die Altstadt an. Doch nach eineinhalb Stunden bekommt uns der Hunger. Hans hatte uns einen Imbiss vorgeschlagen. Da müssen wir zuschlagen. Kolja und Otto bestellen sich einen Burger, während ich mich an das Schnitzel traue. Leider stellt sich das als Niete heraus. Hans‘ 15 € reichen nicht mal aus! Aber an so einem Tag ist das Jammern auf höchstem Niveau.

Als wir das Grundstück wieder betreten und das Zelt aufgebaut haben, können wir uns endlich in die Hängematte werfen und die Abendluft genießen. Erst gegen 22 Uhr kommt Hans zusammen mit seinem Vater zurück. Hans‘ glückliche Miene verrät uns direkt, dass die Jagd erfolgreich sein musste. Und so ist es. Sie haben es geschafft, einen Rehbock zu erlegen. Dadurch, dass es zu spät wurde, haben sie ihn nicht mehr gefunden. Also wollen sie sich morgen früh nochmal auf den Weg machen.

Abschließend schießen wir ein gemeinsames Foto — bevor wir um 23:30 Uhr schlafen gehen. Was für ein Tag!

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